Es war Sonntag. Die Sonne schien. Giulio dachte nach. Er lächelte. Genauer: "Giulio und Gabriella assen Eis, tranken Apéretifs, nahmen dann und wann die Sonnenbrille ab, um den feinen Salzbeschlag von den Gläsern zu wischen, und setzten sie wieder auf." Aus dem Leben der Unscheinbaren, der Scheinbaren, erzählt Rudolph Julas Roman. Er spielt in Rom; es ist ein Rom im Rücken des Paralleluniversums, so realitätsnah und gespenstisch wie die in ihm lebenden Menschen: "Giulio ging wie unsichtbar durch die Stadt." Vom süss morbiden Ennui Fellinis ist nichts geblieben. Von nichts ist etwas geblieben, Dasein pur wird durchgeführt, gelassenes, heiteres, angenehmes Dasein, Gewese, und die Wahrscheinlichkeit, etwas zu verpassen dabei, ist weit über das wünschenswerte Minimum hinaus reduziert.

 

Ein Leben wie im Tagtraum; ein Buch wie der Duft einer Light-Zigarette in der spiegelnden Bar auf der anderen Strassenseite. Dort hören wir sie reden, Laura und Maurizio, Stella und Roberto und Gabriella, in seitenlangen, betörend langweiligen Dialogen: über das Wetter, die Kinder, die Mafia, den letzten Film, das neue Kleid. Entlassene Verschwörer sind's, aus jeder Intrige verstossen - und dennoch Eingeweihte, nachhaltig gebannt vom "Geheimnis des Nebensächlichen, des immer Gleichen und der Leichtigkeit". Telefonnummern werden ausgetauscht. "838 44 34" lautet die von Giulio, "ganz einfach", meint Gabriella dazu im Notieren. "Ganz einfach" hatte schon Giulio gesagt, als ihm Gabriella ihre (838 15 72) mitteilte, anlässlich der überraschenden Wiederbegegnung im Supermarkt.

 

Im Tauschen der Telefonnummern beginnt eine Liebesgeschichte als Fortsetzung und schliesslich als Erfüllung einer knapp verspielten Begegnung am Meer, Jahre zuvor. Nun, nach Giulios Rückkehr in die Ewige Stadt, wird das Verpasste nachgeholt, trotz Kind und Ehemann die Romanze realisiert für ein paar Sommerwochen, bevor sich Gabriella wieder aus Giulios Leben zurückzieht. Wohin? Gabriella weiss es nicht, sie möchte einfach "dass jetzt alles anders wird"; für Giulio ist klar, "er würde aufwachen und Gabriella nicht mehr neben sich sehen".

 

Problemlos vermag Giulio nicht nur nach der Liebe zu schlafen. Sei's bei der vierundzwanzigstündigen Teppichwerbung seines bevorzugten TV-Kanals, sei's im Kino, wenn Ornella Muti Oliven verkauft, oder auf seinem Bett in der Pension Oriente, wenn sich das Kreuzworträtsel mit der Frage nach dem ersten Buchstabens von "immer" als unbeendbar erweist; Giulio schläft einfach ein. Gerade knapp von Halbträumen ist solcher Schlaf belebt; sie unterscheiden sich wenig wie gar nicht vom schlaflosen Traum seiner Tage. Nicht etwa um seiner "gänzlich nutzlosen Art von Intelligenz" auf die Sprünge zu helfen, sondern um mithalten zu können beim Small talk im Fitnessclub oder in der Bar nach der Vernissage, schafft er sich schliesslich ein Buch an, "Das Universum", liest im bebilderten Band nach über Parallelwelten, über die dunkle Materie, die im All die sichtbare Materie umgibt, und über "die schwarzen Tiefen des Nichts".

 

Rudolph Jula wurde als Sohn eines italienischen Vaters und einer Schweizer Mutter in Zürich geboren; er lebt heute als Filmregisseur und Autor in Berlin. Mit 22 jahren veröffentlichte er den Erzählungsband "Conquest", sein erstes Buch. Auch wenn "Giulios Schlaf" von einer ganz erstaunlichen, nicht erwartbaren Entwicklung seiner Motive und vor allem der schrifstellerischen Mittel zeugt, lässt sich ein beiden Büchern gemeinsamer Grundzug feststellen, man mag ihn mit "Dekadenz" bezeichnen. Sie ist, im Erstling noch hochstilisiert, gleichzeitig "halbseiden" im schönsten Sinn, in der ungleich "realistischeren" Prosa des Romas nur noch untergründig vorhanden. Wirklichkeitsbezug ist hier angesagt. Lebensnähe, auch wenn Giulio der existenzielle Aufruhr etwa des Personals von Moravias "Noia" oder Sartres "Ekel" explizit abgeht. Julas Held ist oberflächlicher, "blass" wie selten einer, gleichzeitig subversiver. Wie Dino und Roquentin ist er ausgeschlossen, nur weiss er nicht wovon, will es auch nicht wissen; er scheint es gar nicht zu bemerken.

 

Tor oder Engel? fragt man sich des öfteren, oder sogar: Tier oder Pflanze? "Vielleicht denken sie. Heimlich." Den im Kreuzworträtsel gesuchten "Schmetterlingsblütlern" gilt Giulios Mutmassung; sie lässt sich auf ihn und seine römischen Freunde ummünzen. Sie macht diesen mit nachtwandlerischer und schon fast schmerzvoller Leichtigkeit erzählten Roman nicht nur aufregend, sondern verstörend.

 

Bruno Staiger, Neue Zürcher Zeitung