"Geradezu programmatisch beginnt "cattolica" mit Suchbildern. In dunklen Totalen öffnen sich eine Art Schiebeläden abwechselnd nach verschiedenen Seiten und geben fragmentarische Aussichten auf Meer, Kirchenfassade und Bahnhof frei, die , nur einen Spalt breit, den Zuschauer zu Kombinationen locken und im Laufe des Films zu Wegweisern werden. Suggestiv beginnt so eine Reise von Deutschland nach Italien, in der Rudolph Jula (Buch und Regie) eine existenzielle Recherche mit Elan vorantreibt.

Martin (Merab Ninidze) und Stefan (Lucas Gregorowiscz), zwei ungleiche Brüder, die erstmals nach dem Tod ihrer Mutter voneinander hören, machen sich auf, ihren italienischen Vater zu suchen. Zwei Briefe, ein gerillter Stein, Stefans Adoptionsurkunde und Fotos eines Italienurlaubs des kleinen Martin mit der Mutter sind zugleich Anhaltspunkte und Rätsel. So treiben Indizien und Zufälle das Duo zunächst ins überfüllte Cattolica und dann in einsame Landstriche immer weiter südwärts. Während die Kamera mediterrane Ansichten mit Licht und Schatten modelliert und Burgen und Bergstädtchen verführerisch vor Augen rückt, gibt es in Julas Beziehungsabenteuern keinerlei Sentimentalität. Das Verhältnis der Brüder bleibt spröde: Stefan, ein schwuler Leichtfuss und Martin, ein engagierter Organisator und Vater, verfolgen hier ein gemeinsames Interesse, gehen aber sonst getrennte Wege. Die riskanten Begegnungsszenen zwischen den Söhnen und ihrem Vater schliesslich gründet der Regisseur in eine Lakonie, die nur wahre Emotionen erlaubt. Wie Jula das Ambiente für sich sprechen lässt und in ihm zugleich Angelpunkte der Ereignisse entdeckt, erinnert an Antonioni. Nicht zufällig kommen die Brüder in einer Kulturlandschaft ans Ziel, in der historische Architektur, Natur und der Maschinenpark der Steinsägerei zusammentreffen."

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung