Schon ihre erste Begegnung ist ein grosses Missverständnis: Da spricht Martin in einem Club den Barkeeper an und verabredet sich mit ihm nach dessen Schicht. Stefan ist schwul und schleppt Martin in seine Wohnung. Doch Martin ist nicht an Sex interessiert - er offeriert Stefan, dass er sein Bruder ist. Ausgangspunkt von "Cattolica" ist ein Familiengeheimnis: die Mutter der beiden hatte ein Verhältnis mit einem italienischen Gastarbeiter entschied sich dann aber doch für ihren deutschen Mann.

 

"Cattolica" ist die Geschichte einer Spurensuche. Ein altes Fotoalbum spielt eine wichtige Rolle, die undeutlichen Erinnerungen von Martin, ein alter Liebesbrief von Giuseppe, dem Vater. Vor allem Stefan setzt intuitiv zusammen, was vor dreissig Jahren passierte, wie die Mutter ihrem Liebhaber vom Adria-Urlaubsort Cattolica in den Süden Italiens nachfuhr. Und auch die beiden ungleichen Brüder folgen den Spuren, versuchen zu verstehen.

 

Martin und Stefan quartieren sich in Cattolica ein, in jenem Hotel, in dem Martin mit seiner Familie damals wohnte, und reisen weiter nach Süden. Wenn Deutsche im Film nach Italien fahren, dann lauert an jeder Ecke das Klischee. Doch Jula, selbst Sohn eines italienischen Vaters, umschifft elegant diese Klippen. Er stellt den Trubel des Badeorts, in dem die Liegen geordnet wie bei einer Militärparade am Strand stehen, der Ursprünglichkeit des Südens gegenüber. Apulien südlich von Foggia ist keine wirklich schöne Landschaft, endlose Getreidefelder und Olivenplantagen, über die das Castel del Monte, jene mythische Stauferburg, die der Film einmal kurz zeigt, ragt.

 

Die karge Landschaft ist für Projektionen gut, und die beiden stellen sich die Frage, was aus ihnen geworden wäre, wenn die Mutter dort unten geblieben wäre. Fussball jedenfalls können beide spielen. Die Reise endet bei Bari, und Stefan findet den Vater - dem er aber seine Existenz nicht enthüllt.

 

Auch wenn gerade die Annäherung der beiden Brüder ein bisschen plötzlich kommt und die Musik manchmal allzu romantisch dräut: dieses Debut besticht durch die Genauigkeit, mit der es eine Familie rekonstruiert, die nie eine war.

 

Rudolf Worscheck