berliner morgenpost

Zwei Männer im Zwielicht. Auf dem Halbdunkel lastet eine schwüle Atmosphäre. Weil so unklar, scheint die Situation klar zu sein: die beiden werden das Bett miteinander teilen. Dann aber stellt sich heraus, dass die Bilder trogen, der Ton ein ganz falscher war. Es kommt ganz, ganz anders. Diese Szene gehört zu den stärksten und entscheidensten des ganzen Films. Dessen Hauptthema ist die beständige Sehnsucht der Menschen nach Sicherheit, nach Gewissheit in Bezug auf Gefühle oder sozialen Status. Eine Sehnsucht, die fast immer ins Fragile entgleitet.

Der in Berlin lebende schweizer-italienische Autor und Regisseur Rudolph Jula beleuchtet das allem Leben eigene Ungleichgewicht von Sicherheit und Unsicherheit an hand einer vertrackten Familiengeschichte: Erst nach dem Tod der Mutter erfährt Martin (Merab Ninidze) von der Existenz seiner Bruders Stefan (Lucas Gregorowicz) und davon, dass der Vater ein Gastarbeiter aus Italien war, die grosse, heimliche Liebe der Mutter. Martin, der brave Biedermann, und Stefan, eher Typ ausgeflippter Vogel, machen sich gemeinsam auf den Weg in die Vergangenheit. Die Fahrt in den Süden Europas wird eine Reise zu den eigenen Wurzeln. Irgendwann ist es fast egal, ob der Vater gefunden werden kann. Denn: der Weg ist das Ziel.

 

Jula versteht es mit Barvour die Story vor dem Abgleiten ins Kitschige zu bewahren. Er lässt sich Zeit, beobachtet den Wandel seiner Protagonisten mit Ruhe, lässt sich ein auf den mitunter zögerlichen Gang, den das Aufspüren eines Geheimnisses immer begleitet. Das ist von angenehmer Gelassenheit. Die angeblichen Sehgewohnheiten eines durch das Fernsehen auf rasche dramatische Wechsel geeichte Publikums werden nicht bedient. Ein stilistisch beachtliches Kino-Debüt! Besonders spannend ist, wie es gelingt, die Geschichte vor dem Umkippen ins Banale zu bewahren. Neben Julas geschickter Inszenierung, die allen Untiefen des Gefälligen mit angenehmem Ernst des Erzählens ausweicht, ist die Präsenz der zwei Hauptdarsteller entscheidend. Sie betonen weniger das Trennende der beiden Männer als das sie Verbindende. Und da ist vor allem die hinter diversen abgenützten Attitüden der Selbstdarstellung, wie Arroganz oder Flippigkeit, versteckte Unentschiedenheit wenn es ums Selbstbewusstsein geht. Jula hat in seinem Drehbuch Charaktere entworfen, die weder den gängigen Macho-Klischees noch denen modischer Pseudosensibilität entsprechen. Seine Schauspieler setzen das mit Charme und  Charisma um. Ihnen gelingen glaubwürdige Portraits von Menschen, deren alltägliche Gleichgütligkeit durch ein ungeheures Ereignis, in diesem Fall das Auftauchen von bisher Unbekanntem aus dem Gestern, aufgebrochen wird. Natürlich wirft sie das aus der Bahn. Sie stolpern. Sie fallen auf die Nase. Aber sie haben immer wieder den Mut, sich aufzurappeln. Ninidze und Greogorowicsz spielen das mit wohliger Leichtigkeit, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Das lässt die Kunstfiguren ungemein lebendig erscheinen. So hat man als Zuschauer am Ende das Gefühl, neue Freunde gefunden zu haben. Freunde, denen man gern von den Schwierigkeiten des eigenen Daseins erzählen würde.

 

Peter Claus, Berliner Morgenpost